Dienstag, 23. Dezember 2014

Pistenfeeling

Die Fahrt ins Erg Chebbi sollte die erste Bekanntschaft mit Sandpisten und deren Tücken werden. Nach der ersten Übernachtung am nördlichen Rand der Dünen war der morgendliche Aufbruch wie immer fröhlicher Natur und der üblichen Gelassenheit. Wir wollten die Dünen im Osten umfahren. Aber auch hier – wie für den gesamten Verlauf der Pistenetappe – waren die Auswirkungen der schweren Regenfälle Anfang Dezember zu spüren. Plötzlich tauchen Seen auf, wo eigentlich keine sein sollten und der feuchte Untergrund sorgte ebenfalls für den ein oder anderen Orientierungsstopp.

Nach wenigen Kilometern hieß es für die Reifen, Luftdruck reduzieren. Ein komischer Anblick ist das schon, diese „Elefantenräder“, leicht platt liegt das Fahrzeug im Sand. Dann ging es los. Die ersten Meter im weichen Sand fühlten sich merkwürdig an, nicht zu beschreiben. Viel wichtiger war es, den richtigen Gang zu finden und das richtige Tempo zu halten; jeder Schwungverlust würde doch zum Stillstand führen. Es ist unglaublich, was unser „Jonny“ so im Sand alles macht. Mit Allradantrieb, teils im ersten und zweiten Gang, nahm er tatsächlich jede Düne, so als ob er vorher nie etwas anderes in seinem Leben gemacht hätte.
Hoch konzentriert fuhr Hilmar unseren Jonny durch die Sanddünen, bis zu jenem Moment, indem der Schwung ausging und Jonny in Schräglage abrupt stehen blieb. Der Schreck stand Hilmar im Gesicht geschrieben, als er das Fahrerhaus verließ und die Situation von außen betrachtete. Was, wenn jetzt der Jonny den Halt verliert und sich zur Seite legt? Wie sollten wir hier jemals wieder rauskommen? Haben wir genug Wasser an Bord, um hier an dieser Stelle in der Wüste zu überleben?
Solche und andere Gedanken gingen Hilmar durch den Kopf, obwohl die nächste Ansiedlung gar nicht weit weg war. Das erste Mal wurde der Gedanke wach, vielleicht doch zurück zu fahren, zurück auf die sicheren geteerten Straßen! Aber dann kam Klaus ins Spiel und übernahm die Bergeregie. Zunächst wurden die, bis dahin jungfräulichen Sandbleche, vom Fahrzeug genommen, damit sie jetzt ihren ersten Einsatz übernehmen konnten. Dann wurde der Sand hinter den Rädern weggeschaufelt, natürlich mit den nagelneuen Schaufeln – wofür schleppt man sie ja mit? Die Sandbleche wurden hinter allen vier Rädern platziert. Mit, für die Anderen nicht überhörbarem Herzklopfen, stieg Hilmar wieder in das schrägstehende Fahrerhaus. Nun hieß es „Hinterradsperre rein, Rückwärtsgang rein, aufs Gaspedal steigen und Halten, Augen zu und durch“. Ein Gefühl, welches man so schnell nicht wieder vergisst. Laut und deutlich schob sich unser Jonny rückwärts die Düne hoch und stand bereits nach dem 2. Anlauf wieder gerade auf allen Vieren. Nachdem alle Gerätschaften wieder verladen waren, wurde diese Düne großräumig umfahren und erst einmal eine Wasserpause eingelegt. Die ersten Glücksgefühle über Pistenfahrten waren fürs Erste dahin. Aber mit der Zeit nahm Hilmars Vertrauen zu Fahrzeug und zu sich selbst wieder zu. Die Nachtstopps unweit der Pisten wurden mit einem unendlichen Sternenhimmel belohnt und Tagsüber können wir uns an der ungewöhnlich grünen Sahara kaum satt sehen.



3 Nächte später legten wir in Merzouga auf dem Campingplatz „La Tradition“, am Fuße einer großen Sanddüne, eine wohl verdiente Erholungspause ein, bevor es ein paar Tage später bei Taouz wieder Richtung Zagora auf die Piste gehen sollte. 
Camping in Merzouga
In Zagora sollte Jonny eine Generalüberholung bekommen. Nach über 10.000 km waren manche Wartungsarbeiten längst überfällig. Die nächsten Etappen brachten wieder veränderte Pistenverhältnisse mit sich. Die Oueds waren immer noch sehr nass und somit noch nicht passierbar. Auf Empfehlung eines Einheimischen hin haben wir die angedachte Route geändert, bzw. den gegebenen Pistenverhältnissen anpassen müssen. Die weiter nördlich gelegene Umfahrung führte uns durch wunderbare Wüstentäler, vorbei an kleinen Bergwerken, in denen im Tagebau Quarz abgebaut und über weite Strecken mit LKW`s abtransportiert wird.  Wir waren demnach diesmal nicht die ersten auf den meist schottrigen Wegen. Die Pisten waren holprig, ließen sich aber mit dem richtigen Tempo gut befahren.



Bei Hassi Fougani sollten wir wieder die Hauptpiste erreichen, wo es kurz vor der Mittagspause auch Klaus erwischte und sein LKW mit Schräglage im feuchten Sand hängen blieb. Die offizielle Piste nach Zagora lag hier quasi „unter Wasser“.  Zum ersten Mal kam Jonny mit einer Abschleppaktion zum Einsatz. Klaus kam mit seinem Fahrzeug aus eigener Kraft weder vor noch zurück. Das Abschleppseil ( bis dahin noch nicht gebraucht
J) wurde zwischen den beiden Fahrzeugen eingespannt und mit aller Ruhe und Vorsicht zog unser Jonny das „Blaue Wunder“ rückwärts aus dem nassen Sand. Die Dorfjugend wies uns den Weg; wir umrundeten den See im Süden und konnten am Abend mit dem Wissen, zurück auf Kurs zu sein, friedlich in die Kissen sinken.

 
Der Wüstenpistenvirus hat Hilmar bisher noch nicht befallen, aber er möchte keinen dieser Tage missen. Fahrtechnisch hat er viel dazu und das Leistungsvermögen unseres Jonnys in Extremsituationen kennengelernt, ein unschätzbarer Gewinn für alles was noch vor uns liegt!

Nach diesen aufregenden Tagen freuen wir uns auf eine Auszeit in Zagora, wo wir auch Weihnachten verbringen werden. Unser Geschenk an uns selbst wird ein von Mohammed Gordito generalüberholter Jonny sein, dem wir uns auch für die nächsten 10.000 km problemlos anvertrauen werden.
Moula Moula
 

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