Montag, 18. August 2014

Die Nase im Wind

Mittlerweile lassen wir uns Zeit, verbringen meist 2-3 Nächte an einem Ort und fühlen uns in unseren 4 Wänden immer mehr zuhause. Um uns herum wuselt es von urlaubenden Menschen, die sich bemühen, soviel wie möglich von all dem zu sehen, was sie sich vorgenommen haben. Wir hingegen lernen, den Alltag auf Reisen zu leben, der neben einer gewissen Entschleunigung auch bewusst erlebte Alltäglichkeit mit sich bringt. Dieser Mix an „entspanntem Sein“ klappt von Tag zu Tag besser. Sich Zeit nehmen zum Sinnieren und aus dem Fenster schauen, den Menschen um uns herum beim Kommen und Gehen zusehen, sich zwischenzeitlich eine Tasse Tee kochen und den Alltag an sich vorbeiziehen lassen - so lässt sich unsere Stimmung dieser Tage wohl am besten beschreiben.


"Single Road" at it's best
In den letzten 9 Tagen haben wir eine Schlaufe durch die nördlichsten Gebiete der Highlands gedreht. Endlose Weite, die Macht der Natur und das Befahren der sogenannten „Single Roads“ sind sicherlich die nachhaltigsten Eindrücke der letzten Tage. Nach unserem Stopp in Ardnair haben wir uns immer der Küstenstraße folgend in aller Ruhe auf den Weg nach Norden gemacht. Mittlerweile sind wir übereingekommen uns Zielpunkte zu setzen, die aber ausschließlich als Richtungsvorgabe dienen. Wie sich der Tag dazwischen entwickelt, überlassen wir dem Zufall.
Assynt Estate

Es hat uns gut gefallen, oben, im Nordwesten Schottlands, in der Grafschaft Sutherland. Die Gegend ist nahezu menschenleer. Nur die Schafe heben sich neben vereinzelten Kalksteinbrocken als weiße Flecken aus dem einheitlichen grau lila der bergigen Moorlandschaft ab. Früher soll es hier Wälder und auch mehr Menschen gegeben haben. Beides musste im 19.Jahrhundert allerdings der Schafzucht weichen. Zurück blieb eine Gegend, die in ihrer Eintönigkeit auf uns einen extrem beruhigenden Einfluss ausübt. Die moorbraunen Flüsse schlängeln sich frei und ungebunden durch endlose, ausgewaschene Täler. Die Berge um uns herum sind mal spitz, mal haben sie eher einen runden Rücken. Die Gesteine hier oben sind vielfältig. Sandstein, Kalk und Gneise wechseln sich ab und bilden unterschiedliche Formen aus.

Highland Games
Wir haben viel von dem erlebt, was man klassischer Weise mit Schottland verbindet. Abgesehen von den omnipräsenten Schafen, Fish & Chips und vereinzelten beherzten Schotten im Kilt, gab es wettermäßig den üblichen Mix aus cloudy with one or two showers, clowdy with sunny spells and some rain und Bertha, den Orkan, der uns und unseren Jonny ziemlich durchgeschüttelt hat. Das Wetter war bisher beständig genug um einen Berg zu erklimmen oder eine Jungfernfahrt mit unserem Kajak zu unternehmen. Sommerwetter sieht hier oben um diese Jahreszeit aber anders aus. Mittlerweile ist die einhellige Meinung: Für die Jahreszeit eindeutig zu kalt, zu nass und vor allem zu windig. Bekanntermaßen gibt es aber kein schlechtes Wetter, sondern nur falsche Kleidung und wir haben – Gott sei Dank – die richtigen Outdoor Klamotten dabei!
Stac Pollaidh von unten
Aussicht vom Stac Pollaith
Sands, Achmelvich Bay
In Sands (N 58° 10.136‘; W 5° 18.400‘), einem wunderbar direkt am Meer gelegenen Campingplatz oberhalb dem Fischerörtchen Lochniver, sind wir gleich 3 Nächte geblieben, weil es gar so schön war. Der Abschied von dort ist uns letztendlich aber sehr leicht gefallen, haben wir doch in der letzten Nacht die Sturmböen, mit denen Bertha übers Land zog, hautnah erleben dürfen. Unser Stellplatz mit Aussicht direkt vorne am Meer war ideal, um die Stabilität und Windanfälligkeit unseres Wagens zu testen. Abends saßen wir noch entspannt bei Fish&Chips auf der Bank „vorm Haus“, nachts hielt uns der Sturm in Atem. Am Morgen stand kein einziges Zelt mehr auf dem Platz und wir hatten nachts unseren Jonny an einen strategisch günstigeren Platz am hinteren Ende des Campingplatzes verbracht. Nachdem der Wind breitseitig auf unser Auto traf, waren wir uns nicht sicher, ob er den immer stärker werdenden Böen standhalten würde. An Schlafen war dabei sowieso nicht mehr zu denken. Ein weiterer Sturm, den wir in Durness, unserem nächsten Stellplatz an der Nordküste erlebten, brachte die endgültige Erkenntnis: Die Nase muss immer in den Wind! Auch hier mussten wir unseren Jonny nachts umparken, traf doch der Wind genau aufs Heck und verfing sich mit großem Getöse unter den Solarpanelen auf dem Dach.

Stellplatz in Sands, Achmelvich Bay
Um nach Durness (www.new.durness.org) zu gelangen fährt man durch sehr einsames Land. Die Straßen sind ausnahmslos einspurig und die meisten Autos, die uns entgegen kommen, haben ausländische Kennzeichen. Ohne den Fremdenverkehr wäre hier oben sehr, sehr wenig los. Durness ist die einzige Siedlung weit und breit und hat neben einem, für seine Schönheit ausgezeichneten Strand (Sango Bay), einem kleinen Golfplatz, einer sehenswerten Höhle am Meer auch die beste Chocolaterie Schottlands (www.cocoamaountains.co.uk) zu bieten, die neben hervorragenden Trüffeln auch die weltbeste heiße Schokolade zaubert.

Sango Beach
Auch ein „John Lennon Memorial“ gibt es hier zu bestaunen, hat doch dieser Beatle hier als Kind viele Sommer bei seiner Tante verbracht. Selbstverständlich ist das Grab dieser Tante auf dem alten Friedhof ebenfalls etwas, was man gesehen haben sollte.

Balnakiel Church, Durness
Wir vertreiben uns die Zeit mit Strandspazier-gängen, Wagenpflege und abendlichen Pub-Besuchen. Die schottischen Ales sind köstlich und auch die Speisekarte für schottische Verhältnisse überraschend abwechslungsreich. Sie bietet neben dem üblichen Fish&Chips, gegrilltem Lachs, Wild und einer köstlichen Lammhaxe, auch die Möglichkeit, bei den Beilagen zwischen Chips (Pommes Frites) und Kartoffeln zu wählen. Das macht die Tatsache, dass jedes Gericht mit Erbsen und Möhren aus der Dose serviert wird, nebensächlich!



Durness haben wir sehr bewusst als „Umkehrpunkt“ erlebt, fängt doch hier oben, im äußersten Norden Schottlands, die Reise nach Marokko, wo wir den Winter verbringen wollen, erst richtig an. Jetzt stimmt zumindest die Richtung! Vorher fahren wir aber entlang der Küste nach Osten, um bei Tongue auf die A 836 einzuschwenken, die uns mitten durch die Highlands nach Süden führt.

Fall of  Shin


Da gerade das nächste Sturmtief über die Westküste zieht, machen wir in Lairg, einem kleinen Ort in der Mitte der Highlands, geschützt von den hiesigen Wäldern einen Zwischenstopp. Dem Hinweis auf der Landkarte folgend, haben wir eine Picknickarea südlich des Ortes angefahren (N 57° 57.569‘; W 4° 24.454‘), um dort die Nacht zu verbringen. Und wo sind wir gelandet? Am „Falls of Shin“, einem Wasserfall am Fluss Shin, der für seine Lachse berühmt ist! Den Lachsen kann man hier aus nächster Nähe dabei zusehen, wie sie sich mühen, den Wasserfall zu erklimmen. Sie können einem richtig leidtun, wie sie wieder und wieder Anlauf nehmen, um die doch beachtliche Höhe von 2-3 Metern zu überwinden. Außerdem ist Lairg mit seinen 900 Einwohnern eine unter Schafzüchtern wohl sehr bekannte Ortschaft, finden hier doch Schafauktionen statt, die mit zu den größten in Europa zählen.

Ord Hill, Lairg
Außerdem gibt es einen archäologischen Erkundungspfad, der Hinweise auf die Besiedelung der Gegend vor 4000 Jahren gibt. Nach einer zweiten, sehr windstillen Nacht haben wir uns heute Morgen dem Verlauf der A 837 folgend wieder auf den Weg nach Westen gemacht, zurück an die Küste, zurück nach Ullapool, um hier  die Rundreise durch den nördlichsten Norden Schottlands mit einem Guinness abzuschließen.

In den nächsten Tagen möchten wir noch die Küste unterhalb von Ullapool sowie die Isle of Skye erkunden, bevor es Ende August mit der Fähre von Schottland nach Nordirland geht. Am 13. September geht’s von Cork zurück aufs Festland. Als Zielhafen haben wir uns Roscoff in der Bretagne ausgesucht, in der Hoffnung, dort noch ein paar schöne warme Tage am Meer verbringen zu können. Auf den ersten Einkauf in einem französischen Supermarkt freuen wir uns jetzt schon J.


Die waren immer überall

Das EINE Hochlandrind, das wir trafen




 

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Es ist soooooo schön deine Berichte zu lesen Iris:-)) es ist also ich mitfahre....weiterhin schöne tage. Hier regnet es auch zu oft und ist es zu kühl. Aber zum Glück habe auch ich die richtige Kleidung;-) drücke euch feste. Ilse

Anonym hat gesagt…

Liebe Iris,
lieber Hans-Hilmar v. F.,

es ist sehr spannend, Euch virtuell auf Eurer Reise zu begleiten.Ihr versteht es, sehr anschaulich Eure Erfahrungen zu schildern. Man spürt den Wind hier förmlich ums Haus pfeifen. Nur der Schafgeruch fehlt noch.

Euch eine schöne, erlebnisreiche Zeit.

Liebe Grüße von Thomas und Maggi aus Geltendorf

Anonym hat gesagt…

Hi Ihr Lieben,
schön zu lesen und zu wissen, dass es Euch gut geht und nicht an neuen Eindrücken mangelt.
Lediglich Iris sollte sich Vit-D3 besorgen und 30.000iE pro Tag für eine Woche einnehmen. Weitere Details erspare ich mir, da ich nicht weiss , wer alles diesen Blog liest.
Herzliche Grüsse,
Matthias