Samstag, 21. Februar 2015

Express to Marrakech

 
So sieht es also aus, wenn Ziegen in den Bäumen stehen! Lange haben wir auf dieses Foto gewartet, hat man uns doch gesagt, dass sie es wirklich tun! Zugegeben, hier hat wieder einmal ein findiger Marokkaner eine Geschäftsidee, in dem er seinen Ziegen beibrachte, auf Kommando die Äste zu erklimmen, um als Fotomodell vorbeifahrenden Touristen das Geld aus den Taschen zu ziehen. Wir hatten es vorher selbst schon gesehen, allerdings keine Chance gehabt, den Moment per Kamera festzuhalten. Warum die Ziegen das tun? Die Früchte der südlich von Marrakech heimischen Arganbäume haben es ihnen angetan. Die scheinen so lecker zu sein, dass sich der Aufwand, die Bäume zu erklettern, für die wendigen 4-Beiner zu lohnen scheint. Nicht nur den Ziegen, sondern auch die Menschen sind hinter den Früchten her, lässt sich doch daraus das wohlschmeckende Arganöl gewinnen, dass in Küche und Kosmetik seine Verwendung findet.

Dabei ist derzeit an Nahrung wirklich kein Mangel. Es grünt und blüht an jeder Ecke, die Ziegenhirten brauchen mit ihren Herden nicht weit zu laufen und die Esel stehen gut im Futter. Von Tafraoute aus sind wir erst einmal durch den Antiatlas weiter nach Süden gefahren, nicht ohne vorher eine ungeplante Extrarunde durch die imposanten Schluchten bei Ait-Mansour zu drehen. Unseren ursprünglichen Gedanken, von Tafraoute aus über eine Piste nach Icht zu fahren, haben wir auf halbem Wege verworfen. Wir hatten einfach keine Lust auf Rumpelpiste.
bei Ait Mansour
Den „Umweg“, den wir dafür in Kauf genommen hatten, war von den Straßenverhältnissen her jedoch keineswegs besser, hatten auch hier in den Bergen südlich von Tafraoute die heftigen Regenfälle vom letzten Jahr deutlichste Spuren hinterlassen. Die Straßen sind stellenweise abgebrochen und nicht passierbar, so dass per Bagger auf die Schnelle Alternativstrecken geschoben wurden. Wobei – vieles ist wieder repariert oder befahrbar. Die Marokkaner brettern sowieso mit allem was 4 Räder hat über die erstaunlichsten Straßen. An einem unserer letzten Tage in Tafraoute hatten wir erlebt, wie der Landwirtschaftsminister mit großer Entourage den Ort besuchte. Er wollte sich von dem aktuellen Stand der Reparaturen selbst ein Bild machen. Und eines muss man den Marokkanern lassen – wenn es um die Reparatur der Straßen geht, sind sie sehr, sehr fix. Für unseren Umweg wurden wir mit einem Übernachtungsplatz oberhalb der blauen Steine belohnt, dessen Panorama nur schwer getoppt werden kann.

Schließlich haben wir den Absprung von der Gegend um Tafraoute doch noch geschafft. Durch wunderbare Felslandschaften ging es nach Amtoudi, am südlichen Rand des Gebirges. Hier galt es eine, aus dem 1200 Jahrhundert stammende, tadellos erhaltene Speicherburg (Agadir)der dort ansässigen Berber zu erobern. Der Spaziergang und die Besichtigung des alten, über dem Tal schwebenden Gemäuers, waren sehr eindrucksvoll. Ein älterer Herr wartet hier oben auf die vereinzelten Besucher und zeigt ihnen gegen ein geringes Entgelt Agadir, Kammern und alte Schätze.
 
In früheren Zeiten fanden hier oben 25 Familien Schutz vor räuberischen Banden. Jede hatte neben ihrem Wohnbereich auch ausreichend Platz, die Ernte zu lagern. Selbst Bienenstöcke gehörten zur Ausstattung. Es war schön, die Wanderstöcke auszupacken und sich mal wieder die Beine zu vertreten. Amtoudi als Ziel können wir nur wärmstens empfehlen.

Agadir Id- Aissa

Blick vom Agadir ins Tal
 
Camping Fort Bou Jerif
Queddurchfahrt bei Fort Bou Jerif
Schweren Herzens sagten wir nach 2 Tagen den Bergen mit Ziel Küste endgültig adieu. Die nächsten Tage tendelten wir immer der Küste entlang, von Fort Bou Jerif kommend nach Sidi Ifni, um nach einem weiteren Stopp in Massa schließlich in Essaouria zu landen. Hilmar erlebte nach der kurzen Pistenfahrt über Fort Bou Jerif nochmals eine Schrecksekunde, hatte er doch „zwischen 2 Reifen“ ein winziges, aber entscheidendes Teil seiner Druckluftpistole verloren, als es darum ging, die Reifen nach der Pistenfahrt wieder auf Normalstärke aufzupumpen. Uns blieb nach intensiver, aber ergebnisloser Suche nichts anderes übrig, als mit niedrigem Luftdruck die 30 km nach Sidi Ifni zu fahren, um dort an einer Tankstelle die restlichen 3 Reifen aufpumpen zu lassen. Dort hatten wir es gut getroffen, denn neben Luft im Reifen konnte auch die Druckluftpistole repariert werden, ohne die wir bei zukünftigen Pistenfahrten aufgeschmissen gewesen wären. Hilmar war wieder glücklich und die Fahrt konnte ungehindert weiter gehen.

Wir blieben stehen, wo es uns gefiel. Freies Stehen am Meer ist allerdings nur noch an wenigen Stellen möglich. Aber das ein oder andere Plätzchen hat uns dann doch gefunden. Selbst in Agadir wurde die, im vorletzten Blog beschriebene „Platte“, mittlerweile komplett vom Militär geräumt. Die Gründe, die zu dieser Aktion führten, sind uns nicht bekannt. Die Einfahrten zu den einschlägigen Geländen sind mit Erdwällen abgeriegelt und wo vor 2 Wochen noch hunderte von Überwinteren mit ihren weißen Wohnmobilen die Küste zierten, herrscht nun gähnende Leere. Die örtlichen Händler sind sicherlich von dieser Aktion nicht begeistert gewesen, hatten doch viele an den Mobilisten gutes Geld verdient.
Frühstücksfernsehen bei Aglou Plage

Übernachtungsplatz südl Sidi Ifni

Der Entschluss, auf unserem Weg nach Marrakech von Agadir aus an der Küste entlang zu fahren und dem Örtchen Essaouira auch noch einen Besuch abzustatten, ist ganz kurzfristig gereift. Auch dieser Umweg hat sich voll und ganz gelohnt. Nicht nur die Strecke war wunderschön, auch das Ziel ist nicht umsonst im Katalog der Unesco als Weltkulturerbe aufgeführt.

Wie schon in Sidi Ifni waren es frühere Kolonialherren, die das Stadtbild prägten, nur das hier nicht die Spanier, sondern die Portugiesen ihre Finger im Spiel hatten. Der Souk und die Medina sind daher ziemlich weitläufig, rechtwinklig angelegt, was die Orientierung im Gegensatz zu den orientalisch verwinkelten und verschachtelten Innenstädten herrlich einfach macht. Eine alte Festungsanlage im Stile des Franzosen Vauban rundet das Stadtbild ab, ein weitläufiger Strand macht das ganze Bild perfekt. Auch wir haben uns ein bisschen in dieses schöne Städtchen verguckt, was an Hilmars Studium der Aushänge der örtlichen Immobilienmakler zu erkennen war. Übernachten kann man bequem auf einem Parkplatz am Ortseingang, Strand und Cafe gleich um die Ecke.
Die Nacht vorher hatten wir unweit von Essaouira in Sidi Kaouki verbracht. Der dortige Campingplatz hat uns ausnehmend gut gefallen und im Vergleich zu manch anderen eine Art Wohlfühlatmosphäre verströmt.

Und jetzt? Jetzt stehen wir bei Marrakech, bereiten uns seelisch geistig auf viele Menschen, Stimmengewirr und unzählige Eindrücke vor, wollen wir uns doch morgen nebst Jonny auf den Weg ins Stadtzentrum machen, um dort nicht nur Freunde zu treffen, sondern auch zentral hinter der großen Moschee ein paar Tage in dieser Stadt zu verbringen. Wir sind gespannt, was sie für uns bereithält!

Montag, 9. Februar 2015

Tafraoute

zu 4t unterwegs
Es ist ein seltsames Gefühl, nach 3 Wochen wieder alleine zu sein. Die „Platte“ bei Agadir füllte sich nach und nach immer mehr und in „unserer Ecke“ hatte sich ein Grüppchen Gleichgesinnter zusammen gefunden. Die Tage flogen nur so dahin. Die marokkanischen Händler brachten neben dem Frühstücksbrot auch Fisch, Gemüse, Solarpanele, Arganöl, süße Teilchen und andere Kleinigkeiten vorbei. Auch der Wasserwagen ließ sich regelmäßig blicken. Es wurde einem sehr leicht gemacht, einfach stehen zu bleiben.
 
Das angenehme Wetter und die fröhliche Gesellschaft ließen die Gedanken an einen Aufbruch vorerst nicht aufkommen und machten das Warten auf unser Ersatzteil zur Nebensache. Jeder pusselte an seinem Fahrzeug herum, Reifen wurden nachgeschnitten, Erfahrungen ausgetauscht, gemeinsam gekocht, Boule gespielt, geputzt und kleine Reparaturen durchgeführt. Wir machten verschiedene kleine Motorradausflüge, u.a. auch in das wunderbare „Paradise Valley“. Allein schon das Warten auf den Fischmann war ebenfalls sehr vergnüglich, hatte er doch einmal zu tief in Iris „Augen“ gekuckt, wodurch sich die Anzahl der Fische, die wir auf den Grill legen konnten, auf magische Weise von 4 auf 5 erhöhte. Peter und Anja (www.jumbo-on-tour.de) erzählten aufs Anschaulichste, was sie auf ihrer eineinhalbjährigen Radltour von Deutschland nach Singapur erlebt hatten, Karl-Heinz (www.benemsi.blogspot.com) blickt auf über 40 Jahre vielfältigste Reiseerfahrung zurück und hatte eben erst Afrika umrundet und Jörg (www.oneyearout2014.blogspot.com) aus Bremen stellte die bayerische Bierbank bereit, die uns allen Platz bot. Und wir?
Wir hörten zu und ließen uns inspirieren.

 
Paradise Valley
Aber jedes Warten hat ein Ende. Der bestellte Bremslichtschalter konnte nach 10 Tagen in Empfang genommen und eingebaut werden, der Auspuff von Karl-Heinz Magirus war repariert und Anja und Peter bekamen „Hummeln im Hintern“. In unserem Grüppchen war zwischenzeitlich der Gedanke gereift, gemeinsam nach Tafraoute zu fahren, um dort ein paar schöne Tage in den Bergen abseits vom Trubel zu verbringen. Karl-Heinz kannte dort bei den „Blauen Steinen“ einen schönen Platz, der auch für Jörg mit seinem „Standardmobil“ problemlos zu erreichen war und uns schließlich eine weitere Woche beherbergte. 
Auf der R105 nach Tafraoute



Tafraoute ist das Versorgungszentrum im westlichen Antiatlas und liegt auf ca. 1.000m malerisch  inmitten einer faszinierenden Granitlandschaft. Hier kann man es ein paar Tage aushalten, in den Felsen klettern und die Landschaft genießen. Die Berge bilden eine grandiose Kulisse und leuchten im Abendlicht wunderbar rot. Um diese Jahreszeit beginnen auch die Mandelbäume, für die diese Gegend bekannt ist, zu blühen.
 
Die „Blauen Steine“ sind nur deshalb blau, weil sie der belgische Künstler Jean Vérame mit leuchtend bunten Farben angemalt hat. Noch großflächigere und ebenso umstrittene Kunst hat der gleiche Künstler im Sinai, in der dort bekannten „Blue Desert", hinterlassen, die Iris schon 1993 gesehen hat. Unterdessen wurden die meisten der Steine bei Tafraoute neu bemalt und dienen den Technofreaks unter den „Überwinterern“ als Kulisse für ausschweifende, über mehrere Tage andauernde Partys. Ob es der Vollmond war, der die Technojünger zeitgleich mit uns zu den Steinen lockte, wissen wir nicht. Aber so richtig konnten wir die Landschaft erst 3 Tage nach unserer Ankunft genießen, denn von Samstag bis Montag wummerten die Bässe durch die Ebene. Gott sei Dank stand der Wind günstig und wir bekamen von dem Spektakel nur wenig mit.

Marokko ist nicht nur kulturell ein faszinierendes Land, auch die Landschaften sind so abwechslungsreich und vielfältig, dass man hier ewig bleiben könnte. Nach längerem Überlegen haben wir uns dazu entschlossen, genau das auch zu tun und unser Marokkovisum, das ursprünglich auf 3 Monate angelegt war, zu verlängern. Sonst hätten wir pünktlich zu Iris Geburtstag wieder in Spanien sein müssen. Die Visaverlängerung wollten wir in Tafraoute auf den Weg bringen, braucht es doch eine Polizeistation, die das ganze abwickelt. Der Prozess erinnert ein bisschen an das Lied von Reinhard Mey vom „Antrag auf Erteilung eines Antragsformulars“. Man braucht von Pass, Stempel, Visakarten, Bankbeleg, Campingplatzbescheinigung UND dem Antragsformular jeweils 4 beglaubigte Kopien, die dann zusammen mit den 4 Passbildern hoffentlich zur Verlängerung des Visums führen. Mit dem Verantwortlichen vom Campingplatz „Granite Rose“ haben wir eine Übereinkunft getroffen, die uns darauf hoffen ließ, dass Visum innerhalb einer Woche in den Händen zu halten OHNE die ganze Zeit auf dem Campingplatz bleiben zu müssen.

Die gemeinsam verbrachten Tage bei den Blauen Steinen waren sehr, sehr schön. Gekocht wurde meistens am Feuer, wobei Karl-Heinz oft in die Rolle des Chefkochs schlüpfte. Jeder ging seinen Bedürfnissen nach und genoss doch gleichzeitig die Atmosphäre in der Gruppe. Karli, Karl-Heinz Kangal, passte auf uns auf und sorgte für unsere Sicherheit! Aber auch die Zeit muss zu Ende gehen! Peter und Anja brachen, nicht ohne vorher doch noch einen Tag dran gehängt zu haben, mit Ziel Süden als erste auf. Jörg fuhr gemeinsam mit uns zum Campingplatz, wo wir hofften unser Visum vorzufinden und für Karl-Heinz fanden sich pünktlich zu unserer Abfahrt andere ein, die mit ihm noch ein paar Tage bei den Steinen blieben.  
 


 
 

Das Visum war am Samstag leider noch nicht da. Jetzt ist Montag und wir hoffen immer noch. Mittlerweile haben wir erfahren, dass die Absegnung der Papiere in Tiznit stattfindet. Vielleicht wäre es dort schneller gegangen, die gemeinsam verbrachte Zeit hier oben wollen wir aber um keinen Preis missen. Mittlerweile sind wir die letzten der „4 Musketiere“, alle anderen haben sich in verschiedene Himmelsrichtungen zerstreut. Was aber nicht bedeutet, dass wir den ein oder anderen nicht wieder sehen werden. Wir beide freuen uns jetzt allerdings auf ein paar Tage zu zweit, sind wir doch in Marokko unterm Strich erst VIER Tage alleine unterwegs gewesen, die Zeit in Zagora nicht mitgerechnet. Sobald wir unseren Verlängerungsstempel haben geht es in Richtung Süden, anschließend bei Tiznit wieder ans Meer. Danach heißt die grobe Richtung: Marrakesch!
 
 
Kali

Mittwoch, 21. Januar 2015

Ride to Agadir

oder… von der Wüste in die Großstadt, Kulturschock inklusive.

Die Sehnsucht nach einem Supermarkt, der außer „La vashe qui rit“ auch andere Käsesorten im Angebot hat und nebenbei eine Flasche Wein verkauft, wuchs von Tag zu Tag. Unsere, in Spanien gebunkerten Vorräte, waren nach fast 2 Monaten aufgebraucht. Agadir präsentiert sich als moderne Großstadt, in der wenig alte Strukturen zu finden sind. Bei einem großen Erdbeben Anfang der 60er wurden große Teile der Stadt zerstört und anschließend wieder neu aufgebaut. Ein großer Hafen und Strandpromenaden mit Hotels und Bars dominieren das Stadtbild inklusive 4 spuriger Straßen, belebten Kreisverkehren, Straßenampeln und was sonst noch zum Großstadtleben gehört.
Frei laufende Mulis, die ihren Durst an Tankstellen stillen und Eselkarren inklusive.
Wieso wir hier sind? Wie immer hat es sich so ergeben!


Nach unserem Abschied aus Zagora ging es zielstrebig ohne weitere Stopps durch das Draa-Tal nach Agzd. Das Draa-Tal gehört mit zu den schönsten Flusstälern Südmarokkos. Eingerahmt von spektakulären Bergketten, gesäumt von ausgedehnten Palmenhainen, fließt der Draa über mehrere 100 km Richtung Süden. In Mhamid haben wir gesehen, wie er täglich immer weniger wird und langsam wieder trocken fällt. Hier fließt er üppig und ständig und bewässert, in kleine Kanäle umgeleitet, die Palmenhaine.

An jeder Straßenecke kann man Datteln kaufen, die allerdings in ihrer Qualität an die Datteln, die man auf den Märkten kaufen kann, nicht heranreichen. Wie wir zwischenzeitlich gelernt haben, stammen diese häufig aus Tunesien!

In Agdz am Draa, dahinter Djebel Sarhro
Agdz erreichten wir am frühen Abend desselben Tages. Dort war uns ein Campingplatz empfohlen worden, der uns auch die Möglichkeit bieten sollte, eine alte, renovierte Kasbah zu besichtigen. Viele dieser traditionellen, aus ungebranntem Lehm gebauten Familienhäuser verfallen, da sie leer stehen und der Erhalt zu aufwendig wäre. Da wir in Marokko ohne GPS unterwegs sind, konnten wir den „Camping Kasbah Palmerie“  (GPS N30° 42.725´, W6° 26.760´) allerdings erst finden, nachdem wir bei der örtlichen Gendarmerie nach dem Weg gefragt hatten. Die Herren dort helfen gerne!

 
Die Führung durch die Kasbah am nächsten Tag hat sich wirklich gelohnt. Die gut deutschsprechende, französische Frau des derzeitigen Besitzers, zeigte uns nicht nur das verwinkelte, manchmal fast unheimliche Gemäuer. Sie gab uns auch einen hervorragenden Einblick in die marokkanische Lebensweise und Familienstrukturen früher und heute. Der Blick vom Terrassendach der Kasbah über die Umgebung war atemberaubend schön, auch wenn uns an diesem Tag die Sonne etwas im Stich gelassen hatte.
 
 
 
In Agdz beschlossen wir auch nach Agadir ans Meer zu fahren. Neben dem Supermarkt lockten Temperaturen mit angenehme 16-20°C, war es doch im Gebirge deutlich kühler.

Einen weiteren Einblick in die Lebensweise der hier ansässigen Berber bekamen wir gleich ein paar Tage später. Die R 108, auf der wir unsere Route nach Westen fortsetzten, führt die meiste Zeit durch sehr einsame Gegenden. Wüsten und Berghänge sind aufgrund des Regens vor ein paar Wochen mit einem grünen Flaum überzogen, der uns fast vergessen lässt, wie unwirtlich manche Landstriche, durch die wir fahren, normalerweise sind. Die Ziegenhirten müssen derzeit nicht weit laufen um ihren Herden ausreichend Futter zu bieten. Außer beeindruckender Landschaft gibt es hier allerdings sehr, sehr wenig.

Was tut man also, wenn am Straßenrand jemand steht, der die Motorhaube seines Wagens hochgeklappt hat? Man hält an, frägt nach dem Problem und schüttet schon mal den Inhalt seines Reservekanisters in den Wagen eines anderen. 

Der junge Marokkaner ließ uns aber erst ziehen, nachdem wir ihm versprochen hatten, unseren Jonny zu wenden und mit ihm zu Mama nach Hause zu fahren. Dort gäbe es Couscous, und wir müssten doch unbedingt zumindest auf ein Gläschen Tee…. Lange Rede, kurzer Sinn: Mama und Papa bedankten sich überschwänglich, dass wir ihrem Sohn, einem jungen Minenarbeiter auf dem Nachhauseweg von der Frühschicht, aus der Patsche geholfen hatten. Mohamed, der Papa, brachte Tee und vor dem Couscous begutachteten wir noch die wunderbaren, von „Madame“ aus selbst gesponnener und –gefärbter Wolle hergestellten Teppiche, die uns schon im „Salon“ aufgefallen waren. Da saßen wir nun zwischen der ganzen Pracht und „Madame“ meinte, dass sie Iris doch gerne einen ihrer Teppiche, die eigentlich für den Teppichladen des Cousins in Stuttgart bestimmt waren, überlassen möchte. Es schien ihr eine Herzensangelegenheit zu sein, denn die genannten Konditionen waren mehr als entgegenkommend und eh wir es uns versahen, wurde der Kauf per Handschlag unter Frauen besiegelt. Schweren Herzens ließ man uns nach dem Couscous ziehen, wäre unsere Anwesenheit doch noch Anlass für ein abendliches Festessen mit der ganzen Familie gewesen. Es war eine sehr schöne, herzenswarme Begegnung, an die wir beide gerne zurückdenken. Und der Teppich? Ja, für den müssen wir in Deutschland erst einmal Asyl beantragen. Für unseren Jonny ist er zu groß!
 
Camping Toubkal
Mit Übernachtungsstopps in Taliouine (Camping Toubkal, Ortseingang rechts) und Taroudannt (an der Stadtmauer neben der Präfektur, GPS N30°31.390´, W7°53.689´) gelangten wir ohne weitere Zwischenfälle nach Agadir, wo in einem großangelegten Supermarkt die nächste Konsumfalle auf uns wartete. Aber diesmal sind wir standhaft geblieben. Wir haben nur gekauft, was auf dem Zettel stand! In Taroudannt hatten wir am Tag vorher noch einen schönen Nachmittag verbracht, Stadtbesichtigung und Umrundung der 7 km langen Stadtmauer per Pferdetaxi inklusive.
 
Dieser Ort hat uns ausnehmend gut gefallen. Wir schlenderten entspannt durch den Souk und gönnten uns auf dem zentralen Platz der Stadt, auf dem Gaukler und Schlangenbeschwörer für Unterhaltung sorgen, einen Kaffee.

 
 
Ab Taroudannt nahmen die Außentemperaturen merklich zu. Am Straßenrand tauchten die ersten Mandelbäume auf. Die Gegend südlich von hier, der Antiatlas um Tafraoute, ist bekannt für seine Mandelblüte. Dort wollen wir in den nächsten Wochen noch hin, aber derzeit hat des dort Temperaturen um den Gefrierpunkt. Wir warten lieber noch ein bisschen!

Neben Supermärkten gibt es in Agadir unter anderem eine ADAC-Vertretung und eine Mercedes-Benz Werkstätte, die wir derzeit bemühen müssen. Unser Jonny ist zwar rundum frisch gesalbt, gepudert und geölt, aber der Bremslichtschalter ist zwischenzeitlich defekt, was zu einem Dauerleuchten der Bremslichter führt. Die Zeit bis zum Eintreffen des Ersatzteils aus Deutschland vertreiben wir uns auf einem der, bei „Überwinterern“ beliebten Stellplätzen bei Taghazout am Meer (GPS N30° 31.385´, W9° 41.401´), ca. 20 km nördlich von Agadir. In „unserer Ecke“ des Platzes stehen wir gemeinsam mit 2 Unimogs, einem Magirus-Deutz und drei MAN und heben uns etwas von den anderen, überwiegend weißen Wohnmobilen ab.

  
Vom alten Wüstenfuchs über ehemalige Schauspieler aus den 50ern – es ist ein illustres Völkchen um uns rum. Iris ist sicherlich das Küken auf dem Platz, die Herren um uns haben ihren 80ten zeitweise schon hinter sich. Der Platz selbst entpuppt sich bei näherer Betrachtung als Baustelle.

Hier sollte eigentlich ein Golfplatz entstehen und aus den Bauruinen nebenan ein Hotel. Aber das Projekt wurde wohl im Keim erstickt und außer Erdarbeiten ist nicht viel geschehen. Schade eigentlich, denn der Küstenstreifen war vorher sicherlich sehr viel schöner. Muss man mal gesehen haben, auf Dauer ist das Leben auf der sog. Platte nichts für uns. Der Müll sammelt sich hinter Sandhügeln und die Toilettenentsorgung wird nicht von jedem umweltgerecht durchgeführt. Der Umgang mit Müll entspricht sicherlich in großen Teilen Marokkos nicht den europäischen Gepflogenheiten, aber als Tourist muss ich mir ja daran kein Beispiel nehmen, oder?
 
Strandleben :-)

Aber was hält uns und so viele andere hier? Das Klima in der Bucht von Agadir ist das ganze Jahr über mild und angenehm, die Bucht ist ein Eldorado für Surfern und Standspaziergänger. Nachvollziehbar, dass viele hier hängen bleiben, oder?
 
Strand bei Taghazout
Das Ersatzteil, auf das wir warten, soll wohl in den nächsten 2-3 Tagen in Agadir eintreffen. Solange wollen wir noch bleiben. Danach machen wir uns - mildes Klima hin oder her - auf, um den Küstenteil südlich von Agadir näher in Augenschein zu nehmen.



Sonntag, 11. Januar 2015

Alltag in Zagora

Zagora
Morgens um 10 nach 9 kam die Sonne über den Djebel Zagora, den Berg, der unseren Campingplatz Oasis Palmier im Südosten überschattete, gekrochen – Zeit zum Aufstehen! Bis der Tee gekocht, das Brot geschmiert und das Frühstück verzehrt waren, konnte es leicht 11 Uhr werden.

Ein Ratsch mit den Nachbarn, vielleicht ein Gang in die Stadt, Autopflege und –endsanden, Wäsche waschen, die Tage vergingen viel zu schnell. Auch hatten wir uns beide eine Erkältung eingefangen, die es galt auszukurieren. Wir genossen es 14 Tage lang, dem Kommen und Gehen auf dem Campingplatz zuzusehen. Manche, die Weihnachten mit uns auf dem Platz verbracht hatten, kamen nach einem mehrtägigen Ausflug ins Erg Chigaga Neujahr wieder. Des Öfteren viel abends eine Horde spanischer, polnischer oder niederländischer Jeeps mit Dachzelten über den Platz herein, die morgens schnell wieder verschwunden waren. Ein zeltender Fahrradfahrer aus Deutschland wurde gesichtet, auch Wohnwagengespanne und konventionelle Wohnmobile. Für jeden gibt es in Marokko die richtigen Straßen und das passende Umfeld. Trotzdem war es sehr ruhig, zu ruhig für diese Jahreszeit. Viele Touristen bleiben dieses Jahr aus. Zeitweise waren wir fast die einzigen auf dem Platz. Der islamistisch geprägte Terrorismus wirkt sich auch hier negativ auf den Tourismus aus. Wir können da nur für uns sprechen – wir fühlen uns wohl und sicher in Marokko und hatten bisher zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, nicht willkommen zu sein. 

Wir haben unseren Aufenthalt in Zagora sehr genossen und die Ruhe gefunden, die wir uns gewünscht hatten. Unser Jonny ist wieder flott. Frisch abgeschmiert, mit neuen Ölen, neuen Filtern und unerwarteter Weise auch mit zwei neuen Blattfedern ausgestattet, fährt er jetzt wieder flüssig und geschmeidig über Stock und Stein. Die Anforderungen der bisher, in Marokko zurück gelegten Kilometer, hatten ihre Spuren hinterlassen. Bei 2 Blattfedern bestand Bruchgefahr. Mohamed Gordito, dem wir unseren Jonny zur Überholung anvertraut hatten, riet zur Sanierung. Dies brachte uns nach dem Ölwechsel einen weiteren Tag in seiner Werkstatt ein.

Aber so schnell und zielstrebig wie seine Mechaniker die Federn aus- und wieder einbauten, konnten wir gar nicht gucken. Die Reparatur fand am Straßenrand statt, da unser Auto für die Werkstatt zu groß war. Hilmar staunte nicht schlecht über die handwerkliche Kunst, die da zutage kam. Die Reparaturen wurden gleich am Anfang unseres Aufenthalts in Zagora durchgeführt. Ab dem 26. 12. standen die Räder still. Wir hatten Zeit uns auf Land und Leute einzulassen.

In den Ort ging es entweder 30 Minuten zu Fuß oder wir winkten uns ein kleines gelbes „Petit Taxi“ heran, dass uns für 4,50 Dirham pro Person (45 Cent) ins Ortszentrum fuhr.

Der obligatorische Gang durch die Markthalle endete meist am „Cafe Oskar“, das, gleich neben der Moschee und vor der örtlichen Patisserie gelegen, ein idealer Ort war, dem Treiben auf der Straße zuzusehen. Das Leben, das sich da vor einem ausbreitete, könnte vielschichtiger nicht sein. Männer in traditionellem Burnus, daneben gestylt in Jeans und Turnschuhen, Frauen mit oder ohne Kopftuch, in Tücher gehüllt oder westlich gekleidet – Marokko lebt von der Vielfalt der Menschen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Vor allem die Schulmädchen, die leicht an ihren weißen Kurzmänteln, die sie über der Kleidung tragen, zu erkennen sind, begegnen uns offen und neugierig und fragen schon einmal, wie man den heißt. Bei unseren Souvenireinkäufen verstand Iris es mittlerweile, mit dem Lächeln einer Mona Lisa, die Preise einfach zu halbieren, was ihr den Respekt der Händler und den Spitznamen „Schlitzohr“ einbrachte. Hilmar genoss es, diesem Geschehen gelassen und schmunzelnd zuzusehen. Zwar besitzen auch wir mittlerweile Dinge, von denen wir vorher nicht wussten, dass wir sie haben wollten. Aber wer rechnet schon damit, dass die freundliche Frage, ob man vielleicht Postkarten MIT Briefmarken bräuchte, im Schmuckladen nebenan endet? Dabei wollten wir doch nur Passbilder für die Visumverlängerung anfertigen lassen!
 
Als Faszinierend haben wir die unzähligen kleinen Werkstätten erlebt, in denen noch viel in Handarbeit hergestellt wird. Schreinereinen und Schlossereien, Schneidereien, Fahrradwerkstätten, Kissen- oder  Zeltnähereinen, alle mit offenen Türen. Und dazwischen immer wieder kleine Gemischtwarenhandlungen, die Waren ordentlich in Regalen bis zur Decke gestapelt und Ladenbesitzer, die das Gewünschte hinterm Tresen hervorzaubern.
Der eine hat Küchenrollen, der andere nicht.
Bei dem einen gibt es Nutella, bei dem anderen dafür wieder was anderes.



Statt Konkurrenz, erleben wir eher eine Geschäftemacherei, die Hand in Hand geht und das Gesuchte wird schon mal beim Nachbarn organisiert. Iris grundlegende Französischkenntnisse reichen für die Bewältigung der Alltagsgeschäfte völlig aus, viele sprechen auch Englisch oder ein paar Brocken Deutsch. Selbst beim Bezahlen hat man noch Freude, sind die Preise nach europäischen Gesichtspunkten doch sehr, sehr niedrig. Aber jede Zeit hat ein Ende und so haben wir uns am 3-Königstag wieder auf den Weg gemacht.

Kurz entschlossen unternahmen wir noch einen Abstecher ins 100km entfernte Mhamid im Süden, um selbst ein Blick auf die Dünen des Erg Chigaga zu werfen; der Kaffee im „Cafe Oskar“ war für den Rückweg allerdings bereits eingeplant. Windig waren die Tage am Rande der Sahara. Zuerst trieb uns der kühle Wind ins Auto, am nächsten Tag war es grau und bedeckt, aber etwas wärmer. Am zweiten Tag ließ uns der warme Wüstenwind, der sich in einen aus dem Norden kommenden Sandsturm verwandelte, bei sonnigem Wetter nicht aus dem Auto! Die Dünen des Erg Chigaga bekamen wir daher nicht zu Gesicht. Die Bedingungen waren für eine Wüstentour wenig ideal.

Die 3 Tage mit Rundblick im Camping LaBoussole, oben auf dem kleinen Hügel am Ortsrand von Mhamid, geschützt hinter einem kleinen Lehmpavillion stehend, haben wir trotzdem genossen. Direkt unterhalb unserer Aussichtsplattform fing die Piste nach Foum-Zguid an. Fahren hätten wir die Piste sicherlich können, aber Hilmar hatte nach den Erlebnissen der letzten Wochen vorerst keine Lust mehr auf unwegsames, abenteuerliches Gelände. Mhamid war somit Endstation. Auf dem Rückweg  konnten wir der Versuchung über den Sonntags-Souk von  Zagora zu stromern, nicht widerstehen.

 
 
Wiederverwertung
Nach einem kurzen Kaffeestopp im „Cafe Oscar“ hieß es schließlich endgültig:
„Auf Wiedersehen, Zagora!“ Mittlerweile fühlten wir uns schon richtig heimisch….