Sonntag, 12. Juli 2015

Unter den Linden

Ach, wie waren die letzten 3 Monate schön und anstrengend zu gleich! Es war der bisher intensivste Abschnitt unserer Reise, haben wir doch Gelegenheit gehabt, viele unserer Freunde und Bekannten persönlich zu sehen und gemeinsam mit Ihnen Ausflüge und Besichtigungen zu machen, zu ratschen oder auch einfach nur in dem ein- oder anderen Garten zu parken, am Jonny arbeiten oder die Füße hochlegen zu dürfen.

In München Allach
Viele Feste haben wir gefeiert, gemeinsam gelacht und aber auch getrauert, neue Familienmitglieder begrüßt und Jubilare hochleben lassen. Ganz nebenbei mussten wir beide, auf Anraten unserer beider Zahnärzte hin, einige Kronen sanieren lassen und da es unterwegs nichts schlimmeres als Zahnschmerzen gibt, sind wir diesen Empfehlungen selbstredend gefolgt. Unsere Idee, Ende Mai wieder „on the road“ zu sein, hatte sich dadurch allerdings zerschlagen, denn auf Zahnarzttermine muss man bekanntlich etwas warten. Mittlerweile aber ist alles gerichtet und wir seit Mitte Juni wieder unterwegs.

Daerr-Globetrottertreffen in Egling
Über Fronleichnam, sehr geschickt zwischen Hilmars beiden Zahnarztterminen in Bad Tölz gelegen, konnten wir auf dem Daerr-Globetrotter-Treffen in Egling bei Schäftlarn erste Ideen für unsere weitere Route auf ihre Machbarkeit hin abklären. Unser Ansinnen, in den nächsten Monaten über die Türkei, den Iran und Zentralasien in die Mongolei zu fahren, ist bei weitem nicht so abwegig, wie es vielleicht für manche klingen mag. Wir haben viel Positives gehört und sind uns mittlerweile sicher, dass wir dieses Projekt angehen wollen. Nur die Zeitschiene ist noch nicht ganz spruchreif, daher sei im Moment dazu nicht mehr gesagt. 
Unser Weg hat uns zunächst, von München ausgehend, über Winterrieden in die Pfalz geführt. Wir hatten Iris Bruder versprochen, bei unserem nächsten Besuch wieder selbstgefangene Forellen mitzubringen, was wir prompt an dem uns schon vertrauten Fischweiher im Kleinenztal erledigten. Nur, dass die Forellen diesmal weit weniger freudig anbissen als beim letzten Mal und wir für zwei Fische sagenhafte drei Stunden die Angel ins Wasser hielten. Dafür zog Iris ein Exemplar an Land, das sie nicht nur mit Stolz erfüllte, sondern das mit seinen 1,3 kg für vier hungrige Mäuler locker reichte. 
Viel frische Petersilie hacken! Zusammen mit etwas Ingwer und frisch gedrücktem Knoblauch vermischt, das Ganze dem Fisch in den Bauch gestopft und im Ofen ca. 30 Minuten in Öl geschmort. Köstlich!

Zwischenzeitlich haben wir beschlossen, uns erst einmal einen schönen Sommer zu machen. Radeln, Bootfahren, Schwimmen, Faulenzen – Stillstand und die Seele nachkommen lassen, dass ist im Moment unser vorrangiges Interesse. „Hoch Annelie“ ließ uns nach dem Abstecher nach Lothringen und ins übrigens sehr schöne Saarland, sehr zügig über Bensheim, wo wir noch einige Besuche machen wollten, weiter Richtung Erfurt und Weimar zur Mecklenburgischen Seenplatte fahren.
Auf unserem Weg sind wir bei unseren Besuchen immer wieder stichpunktartig in die deutsche Geschichte eingetaucht. Sei es in Lothringen bei der Besichtigung der www.citadelle-bitche.com , die im deutsch-französischen Krieg von 1870-71 eine bedeutende Rolle spielte oder der Radtour durch Saarbrücken, in deren Verlauf uns liebe Marokkofreunde die Lieblingsplätze ihre Heimatstadt zeigten. 
St Johanna Markt Saarbrücken
Barocke Ludwigskirche  Saarbrücken
Unweit davon haben wir dem www.wolfspark-wernerfreund.de in Merzig ebenfalls einen Besuch abgestattet. Die anschließende Nacht verbrachten wir auf dem vor dem Wolfspark gelegenen Parkplatz und haben die Wölfe beim Heulen belauscht. Wir kamen uns sehr gut behütet vor!

Auch der früher fürstbischöflichen Parkanlage von Schönbusch in Aschaffenburg haben wir per Rad einen (Biergarten-)Besuch abgestattet und in Rahmen eines wunderbaren Familienspaziergangs das Fürstenlager in Bensheim erkundet.

Weimar per Rad - Goethehaus
Trotz der immer größer werdenden Hitze konnten und wollten wir Erfurt und Weimar nicht auslassen. Beide waren wir vorher noch nie in den östlichen Bundesländern gewesen und diese Städte entlang unserer Route waren daher ein Muss. Weimar und Erfurt haben uns ausnehmend gut gefallen. Neben den unzähligen Straßencafes bleiben uns, neben all dem Wissenswerten was es zu sehen gab, beide Städte auch musikalisch in Erinnerung. In Weimar war, bei schönstem Sommerwetter, aus gefühlt jedem offenen Fenster handgemachte klassische Musik zu hören. In Erfurt waren die Domstufen gesperrt, da der gesamte Domplatz bereits für die geplante Freilichtoper hergerichtet war.

Auf den oberen Domstufen sitzend, konnten wir die Proben zum Freischütz live mit verfolgen, für uns ein ganz besonderes Vergnügen.

Domplatz Erfurt


Goethes Gartenhaus Weimar
Schloss Belvedere Weimar
Schillerstraße in Weimar

Unsere ursprüngliche Idee, durch Polen zu reisen, haben wir erst einmal nach hinten geschoben. Hier in MeckPom haben wir ein wunderbares Plätzchen auf dem www.biberferienhof.de gefunden, wo wir unter Linden, in derzeit noch sehr friedlicher Atmosphäre, unser Inneres zur Ruhe kommen lassen. Hilmar hatte vor ein paar Tagen einen schönen Vergleich gebracht: In ihm sehe es aus, wie in einem mit Sand getrübtem Glas Wasser, in dem sich der Sand langsam am Boden absetzt und das Wasser darüber wieder klar wird.


Unter den Linden - Zeltplatz am Biberferienhof

Und erst, wenn bei uns beiden der Sand am Boden wieder so fest gebacken ist, dass es schon fast Sandstein ist, werden wir weiterfahren. In der Zwischenzeit genießen wir die Natur um uns herum. Hier sind die Felder weitläufig, die Menschen wenig. Nachts ruft das Käuzchen und viele Singvögel, Käfer und Fledermäuse huschen durch die Luft. In den Lindenblüten über uns veranstalten die Hummeln und Bienen ein wahres Hubschraubergedröhn. Sonst ist es hier immer noch ziemlich ruhig. Das wird sich sicherlich nach dem Start der Sommerferien in den umliegenden Bundesländern in den nächsten Wochen ändern.

Es ist ein sehr erholsamer Landstrich, in dem wir uns gerade befinden. Iris erinnert das ganze sehr an die Zeiten, als ihre Eltern noch ein kleines Grundstück am Wörthsee gepachtet hatten, tief fliegende Schwalben das sommerliche Gewitter ankündigten und Baden im See zwischen Schilf und Bodenmoder den Kindheitssommer prägten. Die Unaufgeregtheit der Landschaft, das viele Wasser, die Menschen, die überwiegend mit dem Fahrrad, dem Kanu oder dem Hausboot unterwegs sind, verströmen eine gewisse Zeitlosigkeit, die einfach nur erholsam ist.

Mittlerweile ist „Hoch Annelie“ wieder abgezogen und das Wetter wechselhaft. Uns und der Natur sind die vereinzelten Regenschauer, die in den letzten Tagen vom Himmel gekommen sind, einfach nur angenehm. Unsere Ausflüge passen wir dem Wetter an und dehnen unseren Radius jeden Tag ein klein wenig weiter aus. Wir spazieren durch den Wald zum Töpfer ins nächste Dorf oder paddeln mit dem Kanu über die umliegenden Seen. Und wenn die Vorräte zur Neige gehen, geht es mit dem Fahrrad ins 10 km entfernte Mirow, wo neben Aldi, Edeka und Penny an der Schleuse in Mirow Dorf auch eine Fischräucherei zu finden ist. Neben dem örtlich gefangenen Hecht, Aal und Wels hat es dort auch frisch geräucherten Saibling und Forelle im Angebot. Was für uns Fischliebhaber bedeutet, dass wir sicherlich nicht das letzte Mal per Rad in Mirow gewesen sind. Es schmeckt einfach zu lecker! 



Schleuse Diemitz am Biberferienhof
Neben dem Genießen wollen wir die Tage hier aber auch nutzen, um uns auf die Monate, die vor uns liegen, einzustimmen. Das Wifi auf dem Platz ist gut, womit einer ausgiebigen Recherche über die Anforderungen der zukünftigen Route nichts im Wege steht. 
Wie ist das mit den Visaanträgen?
Was gibt es für die verschiedenen Länder zu beachten?
Welche Jahreszeit eignet sich für welches Land?
Wo sollen wir den Winter verbringen?
Liegt Griechenland auf unserem Weg oder lassen wir es rechts liegen? 
Auch wenn wir gelernt haben uns „auf dem Weg leiten zu lassen“ ist eine gewisse Vorbereitung nötig. Im September werden wir anlässlich der Hochzeit von Hilmars jüngerer Tochter nochmal kurz in Bayern sein. Spätestens dann wissen wir, wie es weitergeht! 
Bis dahin wünschen wir allen einen schönen und erholsamen Sommer!

Labussee



Donnerstag, 16. April 2015

Zurück in Deutschland

Wir können es selbst noch nicht glauben, aber um uns herum wird wieder deutsch gesprochen. Vorbei die Zeit, in der wir häufig auch Hände und Füße zum Reden benutzen mussten. Am 27. März haben wir nach zügiger, wettermäßig gar nicht frühlingshaft anmutender Fahrt bei Freiburg die Grenze passiert. Tagesgenau 8 Monaten vorher hatten wir uns in Rotterdam eingeschifft, um nach Schottland zu fahren. 

Biergärten gibts halt nur in Bayern

Wie wir uns nach all der Zeit fühlen? Bereichert und beschenkt trifft es wohl am besten. Wir werden noch ein bisschen brauchen um all das Erlebte zu verarbeiten. Das Kopfkino schickt beständig neue Filme, wobei die Zeit in Marokko sicherlich die intensivsten Eindrücke hinterlassen hat. Es war neu, aufregend und anders. Auch die anderen Länder, insbesondere Schottland und die Bretagne, tauchen immer wieder auf und triggern Erinnerungen an ursprüngliche Landschaften, Klippen, Meer und Seen. 
 
Wenn der Wettergott bessere Laune gehabt hätte, hätten wir uns für die Rückfahrt durch Spanien und Frankreich wahrscheinlich mehr Zeit gelassen. Aber pünktlich mit dem Einschiffen in Tanger Med begann der Himmel sich zu verdunkeln und die Temperaturen sanken in den Keller. Von Frühling war auf der ganzen Fahrt wenig zu spüren.
Fährhafen Tanger Med
Um einigermaßen heil durch diese Tage zu kommen, wurden wieder Mütze und Handschuhe aus der hinteren Ecke unserer Kleiderkammer herausgeholt. Im Norden Spaniens ging der dort einsetzende Nieselregen sogar noch in Schnee über! Vielleicht hätten wir doch noch 3 Wochen länger in Marokko bleiben sollen? Aber das Wetter ist nicht der einzige Maßstab. Wir freuten uns auf die Menschen, die wir unterwegs noch besuchen wollten und der Termin für das erste Familienfest, am 19. April, stand unverrückbar im Raum. Außerdem sehnte sich Hilmar seit Weihnachten nach seinem Zahnarzt, da ihn hin und wieder, manchmal mehr, manchmal weniger, ein ganz bestimmter Zahn ärgerte. Sicherlich gibt es auch in Marokko Zahnärzte, aber denen traute er nicht über den Weg. In einem Land, indem viele Menschen sehr früh kaum mehr Zähne im Mund haben, steht der Zahnerhalt oft nicht an oberster Stelle. Daher galt die Devise, lieber Zähne zusammenbeißen und durchhalten.



Übernachten in Montemolin, Südspanien
Salamanca
In Spanien führte uns unsere Route in 4 Tagesetappen über Sevilla, Salamanca nach San Sebastian und Biarritz. Die gut ausgebauten, fahrzeugleeren und mautfreien 4 spurigen Straßen, bringen dich in Spanien gut voran. Neben dem Kilometerfressen nahmen wir uns die Zeit, mittags in einer der unzähligen, am Wegesrand liegenden Fernfahrerkneipen, für wenig Geld gut zu speisen und am Abend nach einem schönen, unserer Stimmung entsprechenden Übernachtungsplatz Ausschau zu halten. Salamanca haben wir einen Besuch abgestattet und, nachdem wir zentrumsnah an der alten Römerbrücke auf einer Tankstelle stehen und übernachten durften, zu Fuß die Stadt erkundet. Gerne hätten wir die berühmte Kirche besichtigt, aber leider waren wir zu spät dran. Wir durften nicht mehr hinein. Der Wind pfiff durch die Gassen und so blieb uns nichts anderes übrig, als unseren Spaziergang in einem kleinen Kaffee am Hauptplatz zu beenden, wo wir uns erst einmal die kalt gefrorenen Finger am heißen Kakao erwärmten.

In Biarritz haben wir uns persönlich vom Atlantik, den wir jetzt sicherlich für eine längere Zeit nicht mehr sehen werden, verabschiedet. Schnell war ein geeigneter Parkplatz gefunden. Bei dem Wetter war ja auch keiner unterwegs! Alles grau in grau. Der Atlantik war die ersten 4 Monate immer rechts von uns, über Wochen haben wir täglich das Rauschen der Wellen gehört und wenn wir zurückblicken, war da am Anfang der Reise auch eine große Sehnsucht – endlich ans Meer! Den Blick in die Ferne schweifen lassen, Horizont und Weite genießen, sich vom schottischen und irischen Wind durchpusten lassen. Genau das Richtige, um im Inneren „klar Schiff“ und somit Platz für all die neuen Eindrücke und Erfahrungen zu machen, die vor uns lagen.

Biarritz

Unweit von Biarritz wollten wir auf dem Campingplatz „Lou Bascou“, auf dem wir uns auf dem Hinweg so wohl gefühlt hatten, eine kleine Pause einlegen. Dort angekommen, waren und blieben wir die einzigen Gäste, denn der Platz war eigentlich noch geschlossen. Die Besitzerin freute sich allerdings so sehr über unser Erscheinen, dass wir trotzdem bleiben durften – was wiederum uns sehr freute, denn wir hatten einen Tag Ruhepause mit warmer Dusche dringend nötig.

Die Brücke bei Sabine vor dem Haus
Die Sonne spitzte erst ein paar Tage später, in Argentat im Dordogne-Tal, wieder zwischen den Wolken hervor. Unsere frühere Nachbarin Sabine, mit der wir in Langenbach 11 Jahre Tür an Tür gelebt hatten, hat sich dort zwischenzeitlich einen Lebenstraum erfüllt und eine kleine Pension übernommen (www.perigord-chambres.info). Das Haus ist idyllisch direkt am Fluss gelegen, die Renovierung fast abgeschlossen, Gäste herzlich willkommen und wer gerne Forellen angelt, Kanu fährt, wandert oder einfach nur die gute Küche schätzt, ist dort gut aufgehoben. Der Empfang war herzlich und wir konnten nach all den Monaten langsam mit unserer Vergangenheit auf Tuchfühlung gehen. Die Matratzen haben wir allerdings nicht getestet. Das Schlafen in einem Haus „mit richtigen Betten“ haben wir noch ein bisschen aufgeschoben. 

Familienanschluss in der Pfalz
Mittlerweile ist unser Jonny zumindest innen wieder sauber, sämtlicher Saharasand rausgesaugt und die Betten gelüftet. Bei Iris Bruder in der Pfalz nahmen wir die Gelegenheit war, unseren Jonny zum TÜV zu fahren, den er natürlich ohne Mängel bestand und, was noch viel wichtiger ist, ihm endlich ein H auf dem Nummernschild einbrachte. Jetzt ist es quasi amtlich – wir haben einen Oldtimer und das ist gut so. Auch die Angel, die Hilmar zum Abschied geschenkt bekommen hatte, kam zu guter Letzt doch noch zum Einsatz und wir zu leckeren Forellen, die wir noch am gleichen Tag verspeisten. Es werden hoffentlich noch viele folgen!




Seit 2 Wochen tauchen wir wieder in den Alltag ein, jeden Tag ein bisschen mehr. Die Post, die sich in den letzten 9 Monaten angesammelt hatte, erwartete uns bei unseren Freunden in Winterrieden. Sie war dank der guten Vorsortiertung schnell gesichtet, womit Zeit genug für Plausch und Austausch blieb. 

Der Frühling liegt in der Luft und erinnert uns täglich daran, dass das Jahr ja erst anfängt. In unserer Zeitlosigkeit ist uns das Gefühl für die Jahreszeiten etwas abhandengekommen. Jetzt liegt die Kunst darin, sich die Ruhe und Gelassenheit, die wir aus Marokko mitgebracht haben, zu bewahren. Weiterhin einen Schritt nach dem anderen zu tun und sich nicht von der Hektik um uns herum anstecken zu lassen. Im Einklang mit sich zu bleiben und die nächsten Wochen, die wir in Deutschland verbringen werden, als Teil der Reise zu begreifen. Möge die Übung gelingen!

Frühling in der Maisinger Schlucht

Montag, 16. März 2015

Time to say good-bye

Schweren Herzens haben wir uns dazu entschlossen, morgen, am 17.März, die Fähre zurück nach Spanien zu nehmen. Fast 4 Monate haben wir in Marroko zugebracht, dass so vielfältig, reizvoll und aufregend zugleich ist, an jeder Ecke eine Überraschung bereit hält und einen entweder in seinen Bann schlägt oder für immer und ewig verprellt. Von der Wüste über den Antiatlas ans Meer, ein Abstecher nach Marrakech, über die in Hochlagen noch schneebedeckten Berge wieder zurück in den trockenen Süden mit seinen Oasen und Schluchten.


Landestypischer Transport
Wir können schwer sagen, wo es am schönsten war. Jeder dieser Landstriche hat seine eigenen Reize, seine eigene Kultur, seine Eigenheiten. Der geordnete Rückzug hat gefühlt oberhalb der Thodraschlucht begonnen. Nachdem wir uns dazu entschlossen hatten, den Weg nach Norden einzuschlagen. Seit dem hat sich bei uns ein leichter Wehmut breitgemacht. Zuerst war Hilmar dran, der zeitweilig in leichte Melancholie versank. Nach Meknes, dem wir auch noch einen Besuch abgestattet hatten, übernahm Iris das Klagen. Knapp 4 Monate in einem Land sind eine lange Zeit und was anfänglich fremd, auffällig und aufregend anders war, ist mittlerweile sehr, sehr vertraut. Wir werden es vermissen, das Konzert aus Esel, Hundegebell und regelmäßigen Rufen des Muezzin.
Wir werden es vermissen, beim Kaufen um den Preis zu feilschen.
Wir werden es vermissen, in kleinen, männerbesetzten Cafes am Straßenrand, unseren Cafe noir, cafe au lait oder the a la menthe zu trinken.
Irgendwo und überall
Wir werden es vermissen, nachmittags Kurzgebratenes vom Grill oder eine Tajine zu verspeisen.
Wir werden sie vermissen, die Ziegen- und Schafherden mit ihren Hirten am Straßenrand.
Wir werden es vermissen, alle paar Tage in neue Landschaften einzutauchen.


auf dem Weg zum Markt

Marokko „Auf Wiedersehen“ sagen ist schwerer als gedacht. Wir haben das Reisen in diesem Land als unkompliziert und sehr bereichernd erlebt, unterwegs viele nette Leute kennengelernt und vor allem seit Anfang Dezember keinen Regen mehr gehabt. Sicherlich war es auch hier  um Weihnachten herum kalt, aber der Umstand, dass tagsüber ständig die Sonne lacht, tröstete über einige kühle Tage hinweg. Was wir nicht vermissen werden, ist die fehlende Möglichkeit, zum Fisch auch mal ein Glas Wein zu bestellen und Straßenhändler, die so gar kein Einsehen damit hatten, das man partout kein Interesse an den feilgebotenen Waren hat. Manchmal konnte das lästig sein.

Mittlerer Atlas zwischen Midelt und Kenifra
 
Im fast schon europäisch anmutenden Azrou mit seinen, von unzähligen Storchenpaaren genutzten landesuntypischen Giebeldächern, haben wir uns 5 Tage auf die Rückfahrt eingestimmt. In der Hängematte gefaulenzt, kleine Motorradtouren zu Zedern und Berberaffen unternommen und auf den Impuls gewartet, der uns weiter schickte. Meknes, eine der 4 Königsstädte, lag noch auf der Route und den Stellplatz direkt neben dem bekannten Bab Mansour haben wir auch trotz fehlendem GPS zwar nicht auf Anhieb, aber doch zügig gefunden. Viel war nicht los am Freitagmittag. Die Straßen waren frei und die Männer beim Freitagsgebet in den Moscheen. Erst am späten Nachmittag erwachte die Stadt wieder zum Leben, aber im Souk blieben viele Läden geschlossen. Im Gegensatz zu Marrakech und Fes ist die Medina und der Souk von Meknes nicht ausschließlich auf Touristen ausgerichtet, was uns noch mal einen ganz anderen Flair einer marokkanischen Großstadt erleben ließ. Obwohl das Leben um uns herum abends wieder gewohnt durcheinander und lebhaft in die Gänge kam, war die Nacht mitten im Stadtzentrum sehr, sehr ruhig. Abgesehen von den wilden Hunden, die hier und da ein Konzert gaben.

Meknes - Bab Mansour
Jetzt bereiten wir uns in Asilah, einer kleinen, adretten, aufgeräumten Küstenstadt mit alter Festung und sehenswerter Medina ca 30 Minuten südlich von Tanger auf das Einschiffen vor. Der Zufall hat uns auf dem hiesigen Campingplatz nochmal mit Jörg, unserem Bremer Freund von den blauen Steinen, zusammengeführt. Wir verbrachten einen schönen Tag zusammen und die Melancholie ist fast gewichen.
Asilah
Wir werden vieles vermissen, aber gleichzeitig geht es ja jetzt erst richtig los. Führt uns unser Weg auch erst einmal zügig durch Spanien und Frankreich Richtung Deutschland, geht unsere Reise weiter. Unser Haus haben wir ja dabei. Derzeit können wir beide noch keine Reisemüdigkeit feststellen. Ganz im Gegenteil! Im Sommer letzten Jahres hatten wir die Zeit, die nun hinter uns liegt, in unseren Köpfen als „Urlaub“ deklariert. Hilmar musste sich  erst einmal an seinen Eintritt in den Rentenzustand gewöhnen, unser fahrbares Haus musste einem Langzeittest und Praxistest unterworfen werden. Seit dem 15. Juli 2014 haben wir ca. 15 000 km zurückgelegt, dauerhaft auf sehr begrenztem Raum miteinander gelebt, gestritten und gemeinsam viel erlebt. Mittlerweile sind wir eingespielt bzw. wissen, was geändert werden muss. Für die Veränderungen am und im Auto werden wir uns im Frühjahr in Deutschland Zeit nehmen. Für die zukünftigen Ziele wachsen gerade Ideen, die wir diesen Sommer auf ihre Machbarkeit hin überprüfen werden.

Jetzt heißt es erst einmal – it is time to say good bye, Maroc!


Im Hafen von Asilah

Montag, 9. März 2015

Von Schluchten und Oasen

Nach unserem Abschied von Marrakesch blieben uns für Marokko noch 4 Wochen.
Nun stellte sich die Frage, wohin?

Tizi n Tichka - Pass
Verschiedene Gründe sprachen dafür, nochmal den Sprung über den Hohen Atlas, der sich wie ein Riegel mit Bergen nahe der 4000er Grenze von Ost nach West quer durchs Land legt, zu wagen. Die Schneegrenze war mittlerweile über die 2000er Marke geklettert, die Berge lockten. Der Tizi n Tichka bescherte uns einen wunderbaren Blick, auch wenn Hilmar wenig Muse hatte, das Panorama zu genießen. Die Passstraße schlängelt sich in oft abenteuerlichen Serpentinen die Berge hinauf, der Gegenverkehr ist oft nicht minder abenteuerlich bepackt und zügig unterwegs.

Karl-Heinz hatte uns die Nebenstrecke über Telouet nach Ait Ben Haddou ans Herz gelegt, denn entgegen der Hinweise sowohl in unserem Reiseführer, als auch auf den Landkarten, sei die Gebirgsstraße mittlerweile durchgängig geteert und gut befahrbar.

Kasbah von Telouét

In Telouet gab es eine alte, zwischenzeitlich zwar in Teilen verfallene Kasbah zu besichtigen. Sie hatte bis in die 50er Jahre dem Pascha von Marrakesch gehört, dementsprechend aufwendig waren auch die Repräsentationsräume im Inneren gestaltet, die heute besichtigt werden können.



Die ganze Bandbreite der marrokanischen Handwerkskunst, Mosaik- und filigrane Stuckarbeiten, wunderbar mit Naturfarben bemalte Zedernholzdecken, Fensterläden und Türen, gab es zu bestaunen. Außer uns war so gut wie niemand unterwegs. So hatten wir die Kasbah, das wunderbar gelegene Hochtal und auch die Straße fast für uns allein. Oberhalb einer tief eingeschnittenen Schlucht, in der die Bauern in jedem verfügbaren Fleckchen fruchtbarer Erde, Getreide und Futter für die Tiere anbauen, ging es weiter nach Ait Ben Haddou, einem noch gut erhaltenen Lehmdorf, dass in der Vergangenheit bereits als Filmkulisse herhalten musste.

Von Telouét nach Ait Ben Haddou
 
Ait Ben Haddou
 
Bis nach Quarzarzate, der Filmhauptstadt Marokkos, war es von dort nicht weit und auch das nächste Ziel auf unserer Route, die Oase Fint, 10 km weiter südlich diente schon als Rahmen für den Disney Film „Prince of Persia“. Viele Wüstenfilme, die Hollywood hervorbringt, sind zum Teil hier in der marokkanischen Wüste entstanden. Aber wen wundert es? Ist doch alles ziemlich kompakt nah beieinander und die Landschaft so vielfältig, das sich kaum eine Szene nicht drehen lässt.

In der Oase Fint, in der sich 4 Dörfer in einer Flussbiegung an die Hänge der Schlucht schmiegen, konnten wir hautnah erleben, wie das traditionelle Leben der Berber in den Oasen abläuft.
 
Oase Fint

Die Männer, die wir sahen, saßen meist am Flussufer im Schatten der Palmen und betrachteten das Geschehen. Die Frauen hörten wir bereits morgens um 5, als sie in Scharen mit ihren Eseln an unserem Auto vorbeizogen, um ca. 4 Stunden später, voll bepackt nach 2x10 km Fußmarsch, mit Futter beladenen Eseln wieder zurück zu kommen. Kurz darauf waren dieselben Frauen beim Wäsche waschen anzutreffen. Wer zum letzten Mal in die Verlegenheit kam, seine Wäsche von Hand zu waschen, weiß, wie anstrengend allein das ist.


An unserem nächsten Etappenziel, der Dadesschlucht östlich von Quarzarzate, sahen wir den Frauen dabei zu, wie sie das Futter für die Tiere in den Steilwänden der Schlucht zusammensammelten. Selbst mit Bergstiefeln ein halsbrecherisches Unterfangen, mit Schläppchen, Kleid und Gepäck auf dem Rücken noch viel mehr. Die Schwerstarbeit erledigen hier die Frauen, die Männer kümmern sich um das gesellschaftliche Miteinander. Wir haben vor den Berberfrauen den höchsten Respekt.

Oberhalb der Dadesschlucht

Dadesschlucht

Nach Durchqueren der touristisch aufbereiteten, aber trotzdem faszinierenden Thodraschlucht noch weiter im Osten, wurden wir am Spätnachmittag mit einem idyllischen, störungsfreien Übernachtungsplatz oberhalb der Schlucht belohnt. Die Schneelage ließ zu, dass wir uns am nächsten Tag noch weiter in die Berge hineinwagten. Oft mussten wir, wie auch schon bei der Durchfahrt der Schlucht, kleine Wasserläufe überqueren. Der Schnee in den Bergen schmilzt langsam ab.

Waren wir anfänglich noch sehr beeindruckt, als es 10 bis 20 cm Wasser auf einer klar begrenzten Furt zu durchfahren galt, blieb uns bei der Weiterfahrt nach Rich auf der R 703 vor Amellago kurz der Atem stehen. Wieder waren wir in ein wunderbares Flusstal geraten, steil aufragende Felswände säumten den Weg und plötzlich hieß es: Stopp! Außer einem Traktor war bei unserer Ankunft noch kein anderes Auto am Flußlauf zu sehen. Viele waren uns auf den letzten 30 km auch nicht entgegen gekommen. Ob es daran lag, dass hier kein durch kommen war?

Bevor es für uns weiterging, sondierten wir erst einmal die Lage und sahen zu, wie andere versuchten, die stark wasserführende Furt zu durchfahren.


Einer meinte wohl „Augen zu und durch“, verlor mitten im Fluss den Schwung, blieb an einem Stein hängen und brauchte Traktorenhilfe, um rückwärts wieder herausgezogen zu werden. Die Öllache auf dem Wasser ließ darauf schließen, dass der Traktor ihn erst einmal zum nächsten Mechaniker geschleppt hat. Der routinierte und mit allen Wassern gewaschene Taxifahrer des gelben, vor uns stehenden Mercedes Kombi, ließ erst einmal seine Passagiere aussteigen, bevor er sich mit einem Lachen im Gesicht die Hosenbeine hochkrempelte, um sich selbst ein Bild von der besten Durchfahrtsmöglichkeit zu machen. Das braune, erdige Schmelzwasser machte es unmöglich, den Verlauf oder die Bodenbeschaffenheit der Furt zu sehen. 
Beherzt machte er sich schließlich, vom Traktor abgesichert, auf den Weg, wobei das Taxi mit jedem zurückgelegten Meter immer mehr an Bodenhaftung verlor, aber wohlbehalten das andere Flussufer erreichte. Seine Passagiere hatte er vorher sicherheitshalber in ein größeres Fahrzeug umgeladen. Unser Jonny hat sich bei dem Wasserstand von einem halben Meter gerade mal die Füße nassgemacht, aber aufregend war es auch für uns, den für jede Übung gibt es ein erstes Mal.

Zwischenzeitlich stehen wir, begleitet vom Klappern der nebenan brütenden Storchenpaare, idyllisch unter noch kahlen Obstbäumen auf knapp 1300m in Azrou. Der Hohe Atlas ist ein weiteres Mal, diesmal Richtung Norden, überquert und wir kommen uns vor wie in Meran im Frühling. Uns umgeben Apfelplantagen, Zedernwälder und fruchtbares Frühjahrsgrün. Bevor wir Marokko für dieses Jahr auf Wiedersehen sagen, wollen wir mit Stoppover in Meknes nochmal ans Meer. Dies bedeutet leider auch, dass unser Wiedersehen mit Klaus und Gisi, mit denen wir die ersten Wochen in Marokko gemeinsam unterwegs waren und die uns anfangs Wertvolles zu Land, Leuten und Pistenfahren vermittelten, an der Blauen Quelle in Meski ausfallen wird. Aber der Zug nach Norden war größer - Inshallah.

R 703 nach Rich




Marrakech

Idealer hätten wir nicht parken können!

Vom bewachten Parkplatz unweit der großen Koutoubia-Moschee hatten wir von unseren Reisegefährten von den Blauen Steinen erfahren. Er ließ sich auch ohne GPS gut finden. Bei der Ankunft war unsere Freude groß, sahen wir doch bereits auf den ersten Blick, dass 3 uns bekannte Wohnmobile ebenfalls dort parkten. Zu allererst bekam Iris ihre Frühstückstasse wieder, die sie eine Woche vorher in Amtoudi auf dem Tisch der Stellplatz-Nachbarn vergessen hatte. Immerhin ein Erinnerungsstück an die Bretagne und daher nicht einfach austauschbar. So hat es sich gefügt, dass am 23. Februar, pünktlich zu Iris Geburtstag, eine kleine Runde liebgewonnener Freunde gemeinsam mit uns auf diesen Tag angestoßen hat. Schön wars!

Eigentlich ist Marrakesch eine sehr kleine Stadt. Sie besticht durch ihre Lage am Fuße des Hohen Atlas, dessen schneebedeckte Berge man von den vielen Panoramacafes der Stadt aus genießen kann. Die Innenstadt wäre auch zügig durchwandert, würden nicht tausende und abertausende Geschäfte, Schnäppchen, Händler, Souvenirs etc einem den Weg verstellen. Die Stadt lebt heute von den Touristen, was ihrem Charme und Suchtcharakter unseres Erachtens keinen Abbruch tut. Vor allem ist es eine Stadt, in der man geneigt ist, viel Geld auszugeben! Es ist schwer, den Versuchungen im Souk zu widerstehen und wir mussten uns immer wieder vor Augen führen, dass wir doch kein Haus mehr haben und die ganzen schönen Dinge nicht unterbringen können. Sollten wir je wieder einen Hausstand haben, fahren wir vorher nach Marrakesch und decken uns ein. Der berühmte Hauptplatz der Stadt, der Jemaa-el-Fna, besticht zu jeder Tageszeit mit einem anderen Flair.



Haben tagsüber die Händler, Gaukler, Wasserträger, Akrobaten, Schlangenbeschwörer, Musiker und Geschichtenerzähler ihren Auftritt, wird der halbe Platz bei hereinbrechender Dunkelheit in eine Fressmeile verwandelt, wo an jedem Stand Anwerber versuchen, Hungrige an ihren Stand zu ziehen. Es ist ein wahrer Eiertanz, da heil durchzukommen. Unser Jonny parkte derweil 10 Gehminuten vom Hauptgeschehen entfernt, was uns die unvergleichliche Möglichkeit einbrachte, zwischendurch mal „zuhause“ vorbei zu schauen und uns ein bisschen zu erholen. Nach 3 Tagen haben wir schweren Herzens vom Innenstadtleben Abschied genommen. Gemeinsam mit unserem Bremer Freund Jörg haben wir uns auf dem etwas außerhalb gelegenen Campingplatz vom Trubel erholt. Marrakesch ist definitiv eine Reise wert. Viele, die die Stadt von früher kennen, meinen, dass viel von dem Charme der alten Zeit durch die Zunahme des Tourismus verloren gegangen ist. Wir, die wir sie zum ersten Mal erlebt haben, waren nichts desto weniger fasziniert.